|
Editorial
Das SOFFI-Institut wurde Anfang 1993 von der Tiroler Landesregierung
beauftragt, nach Entschließung des Tiroler Landtages eine differenzierte
Studie zu erstellen, die über die Situation geistig behinderter Menschen
in Tirol Aufschluß gibt.
Vor allem das 1991 in Kraft getretene Unterbringungsgesetz, das die Unterbringung
geistig behinderter Menschen in Krankenanstalten zu einem gesetzwidrigen
Zustand machte, forderte dabei die Länder als Träger der Behindertenhilfe
zum Handeln heraus.
Als zentrale Fragestellung steht die Entwicklung von Maßnahmen zu einer
gemeindenahen Integration dieses "vergessenen" Personenkreises
an.
Wir wollen in dieser Ausgabe einen kurzen Überblick über die Anforderungen
in diesem Bereich der Hilfe für geistig und mehrfach behinderte Menschen
geben und versuchen, unseren wissenschaftlichen Zugang im laufenden Forschungsprojekt
zu erläutern.
Normalisierung
Als wichtiges Leitprinzip in allen Fragen der Hilfe für geistig und mehrfach
behinderte Menschen hat sich der Begriff "Normalisierung" zu
einem Standard entwickelt, an dem die Qualität der angebotenen Leistungen
zu messen ist.
War früher vielfach eine "gute Versorgung" der Maßstab, so haben
sich in den letzten Jahren doch weiterführende Ansätze entwickelt, die
vor allem die Betroffenen in den Vordergrund stellen: diese sollen bestmöglich
am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, ihr Leben soll sich möglichst
wenig von dem nichtbehinderter Menschen unterscheiden.
Zur Verwirklichung dieser Ziele wird einiges vorausgesetzt: In besonderem
Maße ist die Selbstbestimmung der Betroffenen und deren Angehöriger zu
berücksichtigen; Hilfen sind nicht "institutionenzentriert"
anzubieten, sondern sollen sich besonders auf die Bedürfnisse des Einzelnen
abstimmen lassen; die unterschiedlichen Hilfsangebote sollten in Form
einer Versorgungskette organisiert sein, um dem Bedarf nach fließenden
Übergängen und einander ergänzenden Teilangeboten zu entsprechen; nicht
zuletzt sollten hochstrukturierte Einrichtungen wie etwa intensiv betreute
Wohngruppen für die darin Lebenden überschaubar bleiben, familiare Lebensformen
und -strukturen ermöglichen.
Heterogener Unterstützungsbedarf
So unterschiedlich der Förder- und Hilfebedarf der einzelnen geistig
behinderten Menschen ist, so groß sollte auch die Verschiedenartigkeit
erforderlicher Angebote und Unterstützungsformen sein. Dies betrifft die
berufliche Praxis, in der die Kooperation verschiedener Berufsgruppen
gefordert ist, ebenso wie die ständige Zusammenarbeit der einzelnen Träger
von mobilen, stationären oder ambulanten Angeboten.
Wichtiges Kriterium für das Funktionieren eines multiprofessionellen Ansatzes
innerhalb einer heterogenen Angebotskette bleibt damit ein gemeinsamer
Prozeß aller beteiligten Kräfte, der mit Koevolution umschrieben werden
könnte.
Koevolution meint damit eine möglichst breite Beteiligung bei der Neu-
und Weiterentwicklung fachlicher (und menschlicher) Standards; nur dies
verhindert letztlich, daß sich ganze Angebotselemente vom Gesamtsystem
abkoppeln, was in weiterer Folge zum Entstehen desintegrierter Bereiche
führt.
Hinein?
Die Unterbringung geistig behinderter Menschen in Psychiatrischen Krankenhäusern
stellt eine verwaltungstechnische und keine ärztliche Maßnahme dar, wie
überhaupt geistige Behinderung nicht als Krankheit aufzufassen ist.
In der Definition geistiger Behinderung spielt "die auffällige Schwächung
der Anpassungsfähigkeit an die sozialen Herausforderungen unserer Gesellschaft"
eine wichtige Rolle.
Viele erwachsene, geistig behinderte Menschen (etwa 20% in ganz Österreich)
wurden in der Vergangenheit vor allem aus Gründen sozialer Auffälligkeiten,
aufgrund ihrer geschwächten Anpassungsfähigkeiten an diese Herausforderungen
in Psychiatrien und ähnlichen Anstalten untergebracht. Aus heutiger Sicht
erscheint es so, daß "die Gesellschaft" zwar Anpassung gefordert,
aber zuwenig hilfreiche Förderung gewährt hat.
Um diese unglückliche Verkettung zwischen Psychiatrie und Geistigbehindertenhilfe
im Zuge der laufenden Enthospitalisierungsbemühungen zu durchbrechen,
scheint eine entschiedene Abkehr von einer klinischen Sicht und "Betreuung"
geistig behinderter Menschen notwendig.
Hinaus
Die Ausgliederung hospitalisierter geistig behinderter Menschen aus dem
Psychiatrischen Krankenhaus Hall bringt für Tirol eine massive finanzielle
Herausforderung. Da die Kosten aber nicht als statische Größe sondern
eher in ihrer Entwicklung gesehen werden müssen, gilt für sie das Gleiche
wie für den Gesamtprozeß: Die Normalisierung im Mitteleinsatz sollte als
wichtige Perspektive im Auge behalten werden. Entscheidend für ein sich
selbst modifizierendes System bleibt damit die Flexibilität. So wie den
Betroffenen der Wechsel in unterschiedliche Wohnformen unaufwendig offen
stehen sollte, wie Grundrisse veränderbar sein sollten, wie sich Betreuungsintensitäten
variabel dem Bedarf anpassen sollten, so sollte längerfristig auch eine
degressive Kostenentwicklung möglich sein.
Begleitende Wissenschaft
Bei der Planung der laufenden Studie ließen wir uns besonders vom praktischem
Bedarf leiten: Was kann Wissenschaft hier für die praktische Umsetzung
von Projekten leisten? Wesentlich erschien uns dabei, daß nur ein möglichst
dynamischer Forschungsansatz der Aufgabenstellung gerecht werden kann.
Weder ist Integration kurzfristig und sozusagen auf einen Schlag herstellbar,
noch ist die betroffene Personengruppe als homogen hinsichtlich Behinderung,
Leistungsfähigkeit und Betreuungsbedarf aufzufassen.
Das heißt, daß auch erst die Entwicklungsgeschichte konkrete Projekte
genauer zeigen wird, wie die Mittel und Ressourcen optimal einzusetzen
sind. Eine wesentliche Aufgabe der Begleitforschung besteht darin, die
Kriterien dafür transparent zu machen.
Begonnen haben wir zunächst mit einer "Orientierungsphase",
die vor kurzem mit einem Zwischenbericht abgeschlossen worden ist. Ziel
war es, einen interaktionell gestalteten Zugang zum Forschungsfeld zu
schaffen. In zwanzig Interviews mit ExpertInnen und Verantwortlichen in
diesem Arbeitsfeld wurden wesentliche Positionen, Interessen, Einschätzungen
und Problemstellungen herausgearbeitet. Orientierung verstand sich damit
auch als Momentaufnahme.
In der nun anschließenden Konzeptphase geht es darum, mittel- und längerfristige
Zielsetzungen auszuarbeiten, vorliegende Konzepte der unterschiedlichen
Träger in eine Rahmenplanung einzubeziehen.
Ganz wesentlich ist schließlich die wissenschaftliche Begleitung, die
auf zwei Jahre angelegt ist. Hier sollen die unterschiedlichen Ausgliederungsprojekte
aus dem PKH Hall dokumentiert und evaluiert werden. Damit versuchen wir
der Dynamik eines wachsenden Integrationskonzeptes zu entsprechen. Die
Auswertung praktischer Erfahrungen unter regional unterschiedlichen Bedingungen
soll laufend Anpassungen ermöglichen. Erfreulicher Aspekt ist dabei, daß
die Einplanung einer derartigen externen Begleitung in diesem Fall vom
Auftraggeber positiv wahrgenommen worden ist und damit "Wissenschaft"
nicht zuletzt in der Hinsicht in Anspruch genommen wird, daß sie ihre
Erkenntnisse und Ergebnisse nahe an der Praxis gewinnt und einbringt.
|